Verhandeln bis tief in die Nacht

Vom Aufopfern für die gute Sache.

Heute auf dem Heimweg lief im Autoradio eine Meldung zum Stand der Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Man habe zwar noch keine kommunizierbaren Ergebnisse, erwarte jedoch ein Statement im Laufe der nächsten zwei Stunden, hieß es da von der Stimme des Reporters.Mit Blick auf die Uhr – es war schon weit nach Ende eines gewöhnlichen Arbeitstages – fragte ich mich, ob unsere moderne Gesellschaft soetwas wie einen Feierabend tatsächlich noch kennt.

Wo bleibt bei unendlichen Verhandlungen bis tief in die Nacht eigentlich noch Zeit, sich vom Arbeitsalltag abzukehren, sich Freunden und Familie zuzuwenden und einfach mal alle Fünfe gerade sein zu lassen?

Always on – muss das sein?

Meine Generation ist wahrscheinlich die letzte, die es noch erlebt hat, dass man sich ins Internet einwählen muss. Diese zwei bis fünf Minuten unproduktiver Zeit waren ein wunderbarer Freiraum, um zum Klang des 56k-Modems Gedanken zu ordnen und vielleicht einfach mal Leere im Kopf zuzulassen – herrlich #FrüherWarAllesBesser

Nur wenige Jahre später ist es bereits zum Klischee verkommen “immer und überall erreichbar” zu sein. Viel mehr noch, wir erwarten auch, dass wir zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem unmöglichen Ort die neuesten Informationen bekommen.

Orte der Ruhe und Einkehr sind dann ganz schnell ein olles Kuhkaff, was nicht mal 4G hat. Wie soll man denn dort leben, geschweige denn arbeiten? Selbst die wenige Sekunden dauernde Wartezeit auf den Fahrstuhl nutze ich, um in der Tagesschau-App auf meinem Smartphone nach Neuigkeiten Ausschau zu halten. Und warum? Einfach weil ich es kann. Weil ich mich daran gewöhnt habe.

Aber eben auch, weil es einfach kein Verhandlungsende, keinen Feierabend mehr gibt.

Der Feierabend und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Hochradverein - eine sinnvolle FreizeitbeschäftigungIch stelle gerne Gedankenexperimente an. Ich versuche mir dann vorzustellen, wie solche Verhandlungen zu Goethes oder Bismarcks Zeiten wohl abgelaufen sein könnten. Ohne, dass ich über nennenswertes Geschichtswissen verfüge, male ich mir dann eine romantische Vergangenheit aus, in der sich ein paar bärtige Männer (dass es in derzeit noch kaum/keine Frauen in der Politik gab soll hier nicht Thema sein) mit Säbeln und Uniform treffen, die dann eine strikte Agenda für die bevorstehende Debatte abstimmen. Nachdem man dann Stundenlang debattierte hält man die Ergebnisse des Tages fest, schüttelt die Hände und verabredet sich für den nächsten Tag. Feierabend.

Danach haben die Herren Zeit, sich entweder ihren Familien, ihren Freunden oder ihrem Hochrad-Verein zu widmen. In jedem Fall gibt ihnen diese Art des Feierabends die Möglichkeit an einem gesellschaftlichen Leben außerhalb der Arbeitswelt teilzunehmen. So können in abendlichen Kneipenrunden Gedanken ausgetauscht und neue gefasst werden. Vor allem aber hat man die Möglichkeit, sich mit neuen, fremden Menschen zu umgeben, die einem neue Perspektiven auf die Welt ermöglichen.

Dieser direkte Austausch scheint mir für die Entwicklung von Empathie und ein inhaltliches Verständnis für Menschen in anderen Lebenslagen wie der Eigenen jedoch essentiell. Wie sonst soll eine Gesellschaft zu einem nachhaltigen Konsens kommen, der für die Mehrheit der Menschen positive Auswirkungen hat? Und nichts anderes sollte Politik meines Erachtens zum Ziel haben.

Egal wie wichtig ein zu diskutierendes Thema ist – sei es ein Tarif- oder Koalitionsvertrag – am Ende wird die Arbeit auch am nächsten Tag noch da sein. Und in unserer Gesellschaft sind wir überwiegend in der glücklichen Lage, dass es bei solchen Verhandlungen selten um Leben und Tod, sondern eher um einen guten Status Quo und bescheidenen Wohlstand geht.

Mit Stolz und Gelassenheit auf die Ergebnisse des Tages zurückblicken

Warum also nicht einfach einen Feierabend definieren und allen Beteiligten und Beobachtern (!) einen freien Abend gönnen, an dem sie ihre Batterien aufladen, neue Gedanken fassen oder vielleicht einfach mal auf ein altes Modem starren können, weil ihnen gerade so ist.

Reporter, Kamerafrauen und Tontechniker könnten entspannt nachhause zu ihren Familien gehen. Politiker und Funktionäre könnten ihre Twitter-Accounts ruhen lassen (die Presse Berichtet ja heute eh nicht mehr) und der Otto-Normalbürger hätte kein schlechtes Gewissen, weil andere noch hart arbeiten, während er versucht, seinen Feierabend zu genießen.

Wir alle könnten in einer solchen täglichen kleinen Ruhephase den Tag Revue passieren lassen und die Ereignisse der letzten 10-12 Stunden für uns einordnen, bevor wir schnelle Schlüsse ziehen und hastige Entscheidungen treffen. Vielleicht würden wir dann feststellen, dass das bisher erreichte gar nicht mal ganz schlecht ist. Wir könnten dann am nächsten Tag bedeutend ruhiger in die Verhandlung gehen, wohlwissend, dass wir schon ein gutes Stück voran gekommen sind.

Und mit ein bisschen Übung kehrt auch wieder etwas von der sächsischen Gelassenheit in unsere Gesellschaft zurück, für die ich meine hiesigen Landsleute so schätze.